Predigten und Materialien
aus Gottesdiensten

 

 

 

 

Waldgottesdienst zu Himmelfahrt 2008

Liebe Gemeinde,

wir freuen uns über den Himmel, wenn er strahlend blau ist. Wir blicken in einer klaren Nacht neugierig empor zu den Sternen. Und wir sind dankbar für den Regen, der nach langer Trockenheit endlich kommt und Felder, Wiesen und Gärten befeuchtet. „Alles Gute“, so sagen wir, „kommt von oben.“ Der Himmel ist wichtig für uns Menschen, wir kommen ohne ihn nicht aus. Vom Himmel scheint die Sonne auf uns herab, und vom Himmel empfangen wir den Regen, ohne den es kein Blühen und Gedeihen gibt. Wir Menschen, wir leben wohl auf der Erde und von der Erde und fühlen uns der Erde zugehörig. Aber dennoch merken wir, dass ohne den Himmel gar nichts geht, dass wir angewiesen sind auf einen freundlichen Himmel, der unser Leben hier auf der Erde begünstigt und fördert und überhaupt erst möglich macht.

Was Wunder also, dass wir immer wieder den Himmel ins Spiel bringen, wenn wir von starken Gefühlen bewegt werden und diese zum Ausdruck bringen wollen. „Dem Himmel sei Dank“, so sagen wir beispielsweise in Momenten großer Erleichterung, gerade dann, wenn uns ein Stein vom Herzen fällt. Oder wenn etwas ganz ausgesprochen toll ist, dann sagen wir auch wohl „himmlisch“ dazu, so etwa im Zusammenhang mit himmlischen Urlaubswochen oder bei einer ganz tollen Speise, die eben „himmlisch“ schmeckt. In ganz doll romantischen Momenten, da fühlen wir uns „wie im siebten Himmel“, und wenn wir etwas ganz und gar nicht und auf keinen Fall wollen, dann sagen wir: „Um Himmels willen“ – bloß das nicht.

Das Blaue über uns, der Himmel ist also gefühlsmäßig stark besetzt in unserem Sprachgebrauch. Dabei hat es mitunter auch den Anschein, als würden wir dem Himmel eine Botschaft übermitteln wollen. Wenn wir sagen: „Dem Himmel sei Dank“, so können wir diese Redewendung auch in eine direkte Anrede fassen mit den Worten: „Danke, lieber Himmel, danke für deine Hilfe.“ Und wenn uns der Ausruf entfährt: „Um Himmels willen“, dann können wir auch das in eine direkte Anrede übersetzen mit etwa den Worten: „Lieber Himmel, tu etwas. Setze bitte all deine Kräfte ein, damit dieses Schlimme, das ich jetzt befürchten muss, nicht eintritt und nicht geschieht. Und wenn es doch eintritt, so sorge bitte dafür, dass die Folgen davon nicht so schlimm sind, wie ich das im Moment befürchte.“ All dieses, all diese Wünsche und Befürchtungen und starken Gefühle stecken nach meinem Eindruck in diesem kurzen Ausruf: „Um Himmels willen“.

Der Himmel ist demnach also der Inbegriff des Guten in unserem Sprachgebrauch. Wie appellieren an ihn, an die schützende Macht, die wir ihm zuschreiben. Ein Hort des Segens scheint der Himmel für viele von uns zu sein, eine Quelle guter Kräfte und ein Bollwerk gegen alles, was unser Leben bedroht und es zu zerstören versucht. Der Himmel ist unsere Hoffnung. Seine Weite soll uns schützen, wenn es eng wird bei uns im Leben.

Wir feiern am Himmelfahrtstag, dass Christus zum Himmel aufgefahren ist zu seinem Vater, zu Gott also, der den Himmel und die Erde erschaffen hat. Nach überliefertem Glauben hat Gott seinen Sitz im Himmel, dort hat er seinen Thron, und dort ist er für uns erreichbar, wenn wir beten: „Vater unser im Himmel.“ Christus nun hat zur Rechten seines Vaters Platz genommen, nachdem er, am Kreuz hängend, nach Gott gerufen hatte und dort, am Kreuz, gestorben ist. Christus starb unter elenden und unwürdigen Bedingungen. Als er ihn vom Tod auferweckte, bekannte Gott sich zu seinem Sohn und nahm ihn schließlich auf in seine himmlische Herrlichkeit, an dem Tag, den wir heute feiern.

Wir müssen uns bitte dieses vergegenwärtigen und klar machen, liebe Gemeinde, dass die Sprache unseres Glaubens einen durchweg bildhaften Charakter hat, wenn immer es um den Himmel geht. „Vater unser im Himmel“, sagen wir, weil Gott für uns nicht sichtbar und nicht greifbar ist, er ’’wohnt’’ an einem Ort und er hat sein Zuhause in einer Welt, die für uns nicht fassbar ist. Und zugleich ist er mit dieser Welt in unserer Wirklichkeit gegenwärtig, wie der Himmel  über uns, der für uns nicht fassbar und nicht greifbar ist, der aber dennoch unser Leben hier auf der Erde maßgeblich beeinflusst. Dass Christus zum Himmel aufgefahren ist, bedeutet für uns: Er ist unter uns gegenwärtig als der Gekreuzigte und Auferstandene.

Der Himmel, an den wir so oft indirekt appellieren, dem wir Danke sagen oder den wir um Abwehr bitten von Gefahr, der hat also einen Namen: Jesus Christus. Und der Träger dieses Namens weiß, um was es geht. Das Leid von uns Menschen ist ihm vertraut, weil er es selbst durchlebt und durchlitten hat.

Unsere Hoffnungen, unsere Sorgen, unsere Freuden, unsere Ängste sind ihm vertraut, weil er als Mensch unter Menschen gelebt hat mit den Höhen und Tiefen, die unser Menschsein mit sich bringt. Unser stiller Kummer, unsere Ratlosigkeit, unsere Verzweiflung und die Angst davor schwach zu sein sind ihm vertraut, weil er ebenso wie wir seinen Weg finden musste und er dabei mit Konflikten zu kämpfen hatte, mit inneren Konflikten, die in ihm auftraten angesichts der Frage, welcher Weg für ihn, für Christus, denn nun der gebotene, der angesagte, der richtige sei.

Der Himmel, der Hort alles Guten und die Quelle jeglichen Segens, ist unter uns, bei uns hier auf der Erde, in Gestalt des Gottes, der im Schönen und im Schweren unser Gott ist, der mit uns fühlt und leidet und sich freut, weil sein liebendes Herz unser Herz erkennt und es mit Augen der Liebe ansieht. Wir finden den Himmel bei uns auf der Erde, und noch mehr als das: Wir finden ihn in unserem eigenen Herzen, wenn wir aufrichtig und ernsthaft nach ihm suchen und wenn wir bereit sind dazu, dem Auferstandenen in unserem Herzen zu begegnen.

Die Begegnung mit Christus in unserem Herzen ist immer auch eine Begegnung mit dem eigenen Ich. Wir sehen an, was uns freut an unserem Ich, und wir sehen an, was uns zu schaffen macht daran und worunter wir leiden. Mit Augen der Liebe blickt Christus gemeinsam mit uns auf unser Herz, auf unser Ich, auf unser Leben. Den Himmel in unserem Herzen dürfen wir finden, indem wir von diesem Blick des Auferstandenen lernen und wir dahin gelangen, dass wir uns selbst ansehen mit Augen der Liebe, indem wir lernen, uns selbst zu mögen, uns selbst zu lieben, uns selbst anzunehmen. Die Weite des Himmels dürfen wir in uns spüren, wenn wir lernen, uns selbst freundlich und aufgeschlossen zu begegnen und wir uns selbst auf diese Weise ein guter Freund und eine gute Freundin werden.

Möge darum der heutige Himmelfahrtstag den Anstoß geben zu Ihrer ganz eigenen, persönlichen Himmelfahrt: in dem Sinne, dass Sie sich aufmachen zu einer Reise in Ihr eigenes Ich, um zu erkunden, wie es dort wohl aussieht und ob Sie wohl etwas von der Weite des Himmels in sich spüren mögen. Prüfen Sie, nehmen Sie wahr, horchen Sie in sich hinein, was sich abspielt in Ihrem Inneren, und laden Sie Christus ein dazu, Ihnen dabei behilflich zu sein. Die Liebe zu Gott, die Liebe zum Nächsten und die Liebe zu sich selbst hat er als das vornehmste und größte Gebot bezeichnet. Diese Liebe in uns zu entfalten heißt, den Himmel in seinem eigenen Herzen zu entdecken! Amen.

 

© Pastor Herbert Follrichs, Elmlohe, 01. Mai 2008

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Waldgottesdienst Himmelfahrt 2006

Liedpredigt über das Lied
 
"Geh aus mein Herz und suche Freud"

 von Paul Gerhardt (1653)

EG 503, 1-4

1. Geh’ aus mein Herz und suche Freud
 In dieser schönen Sommerzeit
 An deines Gottes Gaben
 Schau an der schönen Gärten Zier
 Und siehe wie sie mir und dir
 |: Sich ausgeschmücket haben :|
 
 2. Die Bäume stehen voller Laub
 Das Erdreich decket seinen Staub
 Mit einem grünen Kleide
 Narzissen und die Tulipan
 Die ziehen sich viel schöner an
 |: Als Salomonis Seide :|.

3. Die Lerche schwingt sich in die Luft
 Das Täublein fliegt auf seiner Kluft
 Und macht sich in die Wälder
 Die hochbegabte Nachtigall
 Ergötzt und füllt mit ihrem Schall
 |: Berg Hügel Tal und Felder :|.
 
 4. Die Glucke führt ihr Völklein aus
 Der Storch baut und bewohnt sein Haus
 Das Schwälblein speist die Jungen
 Der schnelle Hirsch das leichte Reh
 Ist froh und kommt aus seine Höh
 |: In’s tiefe Gras gesprungen :|.
Liebe Gemeinde!
 
 1. Über 350 Jahre ist es her, dass dieses Lied gedichtet wurde – und immer noch singen wir es mit großer Freude, immer noch entfaltet es seinen Zauber und seine Kraft. Paul Gerhardt hat es 1653 geschrieben, noch unter dem Eindruck des Dreißigjährigen Krieges, der in Deutschland bis 1648 gewütet hatte und nichts und niemanden unberührt ließ. Alles lag in Schutt und Asche. Man schätzt, dass fast die Hälfte der deutschen Bevölkerung diesem grausamen Krieg zum Opfer fiel. Und trotzdem konnte er dieses himmelhochjauchzende Lied dichten, aus dem uns bis heute die ungeheure Erleichterung und Freude über das Ende der langen Schreckenszeit entgegenstrahlt: „Geh aus, mein Herz, und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit an deines Gottes Gaben!“
 
 -- ach, wenn uns das doch auch öfter glückte: unser Herz hinauszuschicken in die Natur, in den Frühling, in den Sommer. Es zu befreien aus der Enge der Brust, aus den Bedrängnissen des Alltags, aus dem Gefangensein in 1000 Zwängen und Notwendigkeiten und Ritualen, aus dem täglichen Kleinkrieg, dem Sich-Sorgen-Müssen!
 Ach, wenn es uns doch öfter gelänge, das Herz zu entlassen, es freizulassen, loszulassen;
 es die freie Luft spüren zu lassen;
 es die Herrlichkeit der Natur, der Schöpfung sehen, riechen, hören, fühlen zu lassen,
 damit es sich öffnen und weiten kann und wieder frei wird, Neues aufzunehmen!
 
 Vielleicht ist das der tiefere Grund, warum wir so gerne draußen im Grünen und heute Morgen zu diesem Waldgottesdienst gekommen sind: Unser Herz braucht das von Zeit zu Zeit, aus sich selbst herauszugehen, um sich selbst wieder spüren zu können – als lebendige Menschen, als Geschöpfe Gottes, die im Einklang stehen mit seinem Willen und all den anderen Mitgeschöpfen, mit der Natur, mit der ganzen Welt, mit sich selbst auch – und mit Gott.
 
 2. Vielleicht kriegen wir dann auch wieder ein Gespür für die geheime Ordnung hinter der ganzen Schöpfung. Für Paul Gerhardt ist das ganz klar: Die ganze Natur entfaltet sich, blüht und gedeiht – auch inmitten von Trümmern und ganz unberührt von aller Not, die sonst die Erde heimsucht und unser Leben schwer macht – sie tut es vor allem aus einem Grund: um uns, den Menschen, eine Freude zu machen und uns wieder mit dem Leben in Verbindung zu bringen: „Schau an der schönen Gärten Zier und siehe, wie sie mir und dir sich ausgeschmücket haben!“ Mir und dir:
 · für mich und für dich blüht diese Blume so schön!
 · Für mich und für dich wächst dieser Baum so herrlich!
 · Für mich und für dich singt die Nachtigall, bellt der Hund, summt die Biene!
 · Für mich und für dich spielen die Mücken, springen die Rehe, lacht dieses Kind!
 -- ob das wissenschaftlich gesehen richtig oder aus dem Blickwinkel der Geschöpfe tatsächlich so ist, das spielt dabei keine Rolle. Was zählt ist nur, dass Gott diese ganze Schöpfung allein aus dem einen Grunde so schön und farbenfroh und vielfältig und lebendig gemacht hat, damit wir unsere Freude daran haben!
 
 Mich erfüllt das mit großer Achtung vor dieser Schöpfung, vor allem, was sie aufbietet, um mich zu erfreuen. Mit Hochachtung und Dankbarkeit, ja: mit Ehrfurcht vor diesem Leben! Wie könnte ich es wagen, mich an ihr zu vergreifen, sie zu gefährden und zu zerstören?! Sie ist doch Gottes eigenes Werk, lebt von seinem Atem, ist mit seinem Geist beseelt! Wie können Menschen es wagen, das mit Füßen zu treten, was doch ein solcher Schatz ist, ein solcher Quell der Freude und des Lebens?! Es sind doch Gottes eigene Spuren, die in der Natur sichtbar, erfahrbar werden – so wie sein Gesicht sich auf jedem Menschengesicht wiederspiegelt, und sei es noch so sehr vom Leben gezeichnet und entstellt!
 Nein: wer die Natur mit solcher Dankbarkeit und Ehrfurcht betrachtet, der kann nicht anders als sie zu schützen und zu bewahren!
EG 503, 5-8

5. Die Bächlein rauschen in dem Sand
 Und malen sich an ihrem Rand
 Mit schattenreichen Myrten
 Die Wiesen liegen hart dabei
 Und klingen ganz vom Lustgeschrei
 |: Der Schaf’ und ihrer Hirten :|.
 
 6. Die unverdroßne Bienenschar
 Fliegt hin und her, sucht hier und da
 Ihr edle Honigspeise
 Des süßen Weinstocks starker Saft
 Bringt täglich neue Stärk’ und Kraft
 |: In seinem schwachen Reise :|.

7. Der Weizen wächset mit Gewalt
 Darüber jauchzet jung und alt
 Und rühmt die große Güte
 Des, der so überfließend labt
 Und mit so manchem Gut begabt
 |: Das menschliche Gemüte :|.
 
 8. Ich selber kann und mag nicht ruhn
 Des großen Gottes großes Tun
 Erweckt mir alle Sinnen
 Ich singe mit, wenn alles singt
 Und lasse was dem Höchsten klingt
 |: Aus meinem Herzen rinnen :|.
3. Wer die Augen vor den Schönheiten des Lebens und der Natur nicht verschließt, wer sich ihr öffnet, entdeckt überall Spuren des Schöpfers. Und er wird – wie von selbst – mit Dankbarkeit und Ehrfurcht erfüllt. Er wird angesteckt von der Sangeslust der Vögel, vom Wachstum der Pflanzen, von der Lebendigkeit der Tiere. Er wird vom leben angesteckt, zum Leben angestiftet – und zum Lob des Schöpfers:
 „Ich singe mit, wenn alles singt, und lasse, was dem Höchsten klingt, aus meinem herzen rinnen.“
 -- so einfach klingt das, dass es einen schon wundern kann, warum wir das nicht öfter tun: Ich brauche ja nichts weiter zu tun, als mein Herzenstor zu öffnen. Was dann hereinfließt, was ich sehe, höre, fühle, rieche: das fließt dann fast von selbst auch wieder hinaus – als großer Lobgesang. Ja, es drängt hinaus, wenn ich mich dem Leben öffne. Mein Herz kriegt Flügel. Es wird emporgehoben bis zu dem, der es einmal in Gang gesetzt hat und immer noch in Gang hält: Dass mein Herz bis heute schlägt und das Blut in meinen Lebensadern bewegt: 60 mal in der Minute, fast 100.000 mal am Tag, ob ich wache oder schlafe, mit großer Präzision und Sicherheit, Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr, ganz von selbst: Ist das nicht ein Wunder?!
EG 503, 9-12

9. Ach denk ich bist Du hier so schön
 Und läßt Du’s uns so lieblich gehn
 Auf dieser armen Erde
 Was will doch wohl nach dieser Welt
 Dort in dem reichen Himmelszelt
 |: Und güldnen Schlosse werden? :|
 10. Welch hohe Lust, welch heller Schein
 Wird wohl in Christi Garten sein!
 Wie wird es da wohl klingen?
 Da so viel tausend Seraphim
 Mit unverdroßnem Mund und Stimm
 |: Ihr Halleluja singen :|.

11. Oh wär ich da, o stünd ich schon
 Ach süßer Gott vor Deinem Thron
 Und trüge meine Palmen!
 So wollt ich nach der Engel Weis’
 Erhöhen Deines Namens Preis,
 |: Mit tausend schönen Psalmen :|.
 
 12. Doch gleichwohl will ich, weil ich noch
 Hier trage dieses Leibes Joch
 Auch nicht gar stille schweigen.
 Mein Herze soll sich fort und fort
 An diesem und an allem Ort
 |: Zu Deinem Lobe neigen :|.
4. Ich staune, wie selbstverständlich der Dichter von der Betrachtung der Natur in Nachdenken über das Leben nach dem Tod kommt, wie unbefangen er darüber reden und singen kann, weil er weiß: Auch der Tod ist ein Teil unseres natürlichen Lebens. Er gehört dazu wie die Nacht zum Tag. Fast kindlich ist sein Vertrauen, dass dieser Gott, der all das geschaffen hat und noch erhält, uns nicht einfach fallen lässt am Ende unserer Tage. Und die Natur, die uns umgibt, ist in all ihrer Schönheit und Großartigkeit und Lebendigkeit nur ein schwaches Vor-Ab-Bild des Paradiesgartens. Was Wunder, dass er sich schon jetzt danach sehnt:
 „O wär ich da, o stünd ich schon, ach süßer Gott, vor deinem Thron!“ – vielleicht kennen manche unter uns auch das: die große Sehnsucht nach dem Paradies, die uns manchmal ergreift, nicht nur wenn es uns schlecht geht, sondern manchmal gerade dann, wenn wir ganz erfüllt sind vom Leben, uns eins fühlen mit uns und der Welt und das am liebsten nie wieder aufhören soll: Keine Plackerei mehr, kein Krieg mehr im Fernsehen, kein Krieg mehr auf der Arbeit, in der Schule, kein Krieg mehr zu Hause: die große Sehnsucht nach dem Paradies...
 
 Und doch lässt sich der Dichter nicht dazu hinreißen, im Blick auf jene andere, bessere Welt die alte Welt, sein brüchiges Leben aufzugeben, die Hände in den Schoß zu legen und nur noch abzuwarten:
 „Doch gleichwohl will ich, dieweil ich noch hier trage dieses Leibes Joch, auch nicht gar stille schweigen!“
 – weitersingen will er, trotz allem Schweren! Nein: Der Tod bringt uns nicht zum Schweigen! Das Elend der Welt und unseres eigenen Lebens darf uns nicht den Mund verschließen! Wer singt, auch solche scheinbar harmlos-fröhlichen Lieder wie dieses, der tut nicht nur seiner Seele etwas Gutes und lobt den Schöpfer, sondern der singt auch gegen diese Wirklichkeit an! Wer Gott lobt und ihm die Ehre gibt, der entzieht sie damit dem Tod und den Todeswirklichkeiten unserer Welt; der gibt einer anderen Wirklichkeit die Ehre und damit auch die Macht.
 
 Es könnte ja sein – und ich glaube ganz fest daran! – dass, indem wir Gott loben, dem Bösen auf der Welt etwas von seiner Kraft genommen wird. Dass unser Gesang eine Art ist, die Welt zu verändern und dem Himmel ein wenig näher zu kommen. Sicher nicht die einzige, sicher nicht die wirksamste, aber die, die uns fast allen zu Gebote steht! Und dann müssen wir sie auch nutzen!
EG 503, 13-15

13. Mit Segen, der vom Himmel fleußt,
 Daß ich Dir stetig blühe;
 Gib, daß der Sommer Deiner Gnad
 In meiner Seele früh und spat
 |: Viel Glaubensfrücht erziehe :|.
 
 14. Mach in mir Deinem Geiste Raum,
 Daß ich Dir werd ein guter Baum,
 Und laß mich Wurzeln treiben;
 Verleihe, daß zu Deinem Ruhm,
 Ich Deines Gartens schöne Blum
 |: Und Pflanze möge bleiben :|.

15. Erwähle mich zum Paradeis,
 Und laß mich bis zur letzten Reis
 An Leib und Seele grünen;
 So will ich Dir und Deiner Ehr
 Allein und sonstern Keinem mehr
 |: Hier und dort ewig dienen
 
5. „Gib, dass der Sommer deiner Gnad in meiner Seele früh und spat viel Glaubensfrüchte ziehe!“ – was für ein seltsamer, faszinierender Gedanke zum Schluss:
 · Du und ich, wir sind wie ein Stück guter, fruchtbarer Erde!
 · Du und ich, wir sind wie ein Acker: Gott, der große Sämann, legt in uns seinen Samen und zieht auf uns seine Früchte!
 · Du und ich, wir haben die Kraft, etwas Gutes aus uns hervorzubringen, Früchte zu tragen!
 · Du und ich, wir können es wachsen lassen; wir können ihnen Nahrung geben, den Früchten unsere Lebens und Glaubens: der Liebe, der Freude, der Gerechtigkeit und wie diese „Glaubensfrüchte“ in der Bibel noch alle heißen.
 Ja, das alles können wir! Dazu hat Gott uns ausgerüstet! Dazu braucht er uns!
 
 Und noch mehr: Wir können nicht nur Früchte hervorbringen – wir können selbst Frucht sein: Der ganze Mensch, du und ich, ein großer, starker Baum, der fest verwurzelt steht wie die Bäume hier um uns herum; der Kraft hat, sich zu entfalten und anderen Schutz zu bieten unter seinem weiten Dach: sich unterzustellen bei Regen, sich anzulehnen, ein Herz hineinzuritzen! Der ganze Mensch, Du und ich, wird eine Blume, herrlich anzusehen, zur Freude für ihn selbst und für die anderen.
 So kann der ganze Mensch, Du und ich, „an Leib und Seele grünen“, denn beides gehört zusammen und wird nicht nur durch Essen und Trinken zusammengehalten, sondern auch durch Singen und Loben.
 
 Und so besteht er auch die letzte Reise: nicht als welkes Blatt, als halbverdorrter Baum, sondern als grüne Pflanze, die auch dort, in jener anderen Welt, noch weiter blüht und wächst und tausendfältig Frucht bringt – dort genauso wie hier!
 
 Amen.

© Pastor Matthias Clasen, Taubenweg 1, 27607 Langen

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Dirk Woltmann
 Predigt am 12.02.2006 in Elmlohe (Septuagesimä)
 Verabschiedung

„(22)So spricht der HERR: Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums.
(23)Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der HERR bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der HERR.“
(Jeremia Kapitel 9, Verse 23f.)

Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen. Amen.

Liebe Gemeinde!
Eine Abschiedspredigt hat es in sich. Und so mache ich zwei Umwege, damit ich mich nicht verfange in sentimentalen Gedanken, sondern nach Möglichkeit doch noch wirklich – eine Predigt zu Stande bekomme.

Zwei Umwege: Der eine Umweg ist der ganz normale, vorgeschlagene Predigttext des heutigen Sonntags, den ich vorgelesen haben, der nichts davon weiß, dass in Elmlohe ein Abschied ins Haus steht; und der zweite Umweg ist ein Ausschnitt aus einem Roman.

Damit fange ich an. Lassen Sie sich bitte nicht verwirren von meinen Kurven. Hoffentlich wird der Gesamtweg nicht zu lang. Ich habe die Kurven nötig heute; mit ein bisschen Glück kann es bei dieser Kurvenfahrt auch einen Erkenntis-Gewinn geben. Sie können mir nachher ja sagen, ob es so war. -

Am Anfang also eine Szene aus einem Roman. Und zwar eine fiktive Szene aus der Kindheit des großen deutschen Mathematikers Carl Friedrich Gauß. Gauß wurde 1777 in einfachsten Verhältnissen in Braunschweig geboren. Historisch ist, dass ihn seine Herkunft eigentlich von jeder höheren Bildung ausgeschlossen hätte - wenn es da nicht den einfachen Volksschullehrer Büttner gegeben hätte, der auf seine außergewöhnliche Begabung aufmerksam wird. Er und sein Assistent Bartels sorgen dafür, dass Gauß das Gymnasium besuchen kann.

Dort treffen wir den Jungen in dem Erfolgsroman „Die Vermessung der Welt“ von Daniel Kehlmann in der ungewohnten Umgebung.

 

„Er bekam zwei neue Hemden und einen Freitisch beim Pastor.
     Die Höhere Schule enttäuschte ihn. Viel lernte man wirklich nicht: Etwas Latein, Rhetorik, Griechisch, Mathematik auf lachhaften Niveau, ein bisschen Theologie. Die neuen Mitschüler waren nicht viel klüger als die alten, die Lehrer schlugen zwar nicht seltener, aber immerhin weniger fest. Beim ersten Mittagessen fragte ihn der Pastor, wie es in der Schule gehe.
     Leidlich antwortete er.
     Der Pastor fragte, ob ihm das Lernen schwer falle.
     Er zog die Nase hoch und schüttelte den Kopf.
     Hüte dich, sagte der Pastor.
     Gauß sah überrascht auf.
     Der Pastor blickte ihn streng an. Stolz sei eine Todsünde!
     Gauß nickte.
     Das solle er nie vergessen, sagte der Pastor. Sein Leben lang nicht. Wie klug man auch sei, man habe demütig zu bleiben.
     Warum?
     Der Pastor bat um Verzeihung. Er habe wohl falsch verstanden.
     Nichts, sagte Gauß, gar nichts.
     Doch, sagte der Pastor, er wolle das hören.
     Er meine es rein theologisch, sagte Gauß. Gott habe einen geschaffen, wie man sei, dann aber solle man sich ständig bei ihm dafür entschuldigen. Logisch sei das nicht.
     Der Pastor äußerte die Vermutung, dass etwas mit seinen Ohren nicht stimmte.
     Gauß holte ein sehr schmutziges Taschentuch hervor und schneuzte sich. Er sei überzeugt, dass er etwas missverstehe, aber ihm erscheine das wie eine mutwillige Verkehrung von Ursache und Wirkung.
     Bartels besorgte ihm einen neuen Freitisch bei [...] einem Professor an der Göttinger Universität.“
 

(Daniel Kehlmann, Die Vermessung der Welt,
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2005)
 

Daniel Kehlmann hat vor 14 Tagen bei der literarischen Woche in Bremerhaven aus seinem Roman gelesen, unter anderem auch diesen Abschnitt. Wir waren da und haben das live miterlebt. Das Gelächter im Publikum war groß, und es war von einer Art, dass ich ein merkwürdiges Gefühl bekam. Ich fand es plötzlich nicht angenehm, diese Szene zu hören und mein Lachen fiel vielleicht sparsam aus Mir war auf einmal mir nicht mehr klar, ob Kehlmann nur und ausschließlich einen Pfarrer am Ende des 18. Jahrhunderts schildert – oder ob das mehr ist. Ich war mir plötzlich nicht sicher, ob ich diesen Miesepeter als erledigt abtun dürfte, oder ob von seiner moralinsauren und machtvoll ausgeübten Demutshaltung auch etwas in uns steckt, in den Pastorinnen und Pastoren bis zum heutigen Tag – ob davon also auch etwas in mir steckt.

„Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit,
ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke,
ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums.“

Vielleicht können Sie verstehen, dass der Predigttext für den heutigen Sonntag aus dem Buch des Propheten Jeremia nicht gerade dazu angetan ist, meine Selbstzweifel zu beruhigen.

Ich will aber gleich deutlich sagen: Jeremia kann dafür nichts. Er lebte und wirkte um das Jahr 600 v. Chr. in Jerusalem, und seine Botschaft damals war eine politische, gerichtet an die Könige und Machthaber seiner Zeit, die eine Zeit des Untergangs war. Die Besatzungsmächte Ägypten und dann Babylon beherrschten das Land und verschleppten Teile der Oberschicht.

Seine Predigt ist eine politische Predigt, die es auch heute zu halten gibt. Die Mächtigen seiner Zeit ruft Jeremia zur Ordnung: Verlasst euch nicht auf eure Weisheit und Stärke, verlasst euch auf Gottes Werte – Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit.

Jeremia kann also nichts dafür, dass sich seine Worte für mich so unsäglich mit der kleinen Szene aus dem Roman vermischen. Aber der Pastor, den Kehlmann in seinem Roman zeichnet, - der könnte sich bruchlos auf die Worte des Propheten berufen. Denn es gibt eine Auslegungsgeschichte solcher und anderer Bibel-Stellen, die jemand so auf den Punkt gebracht hat: „Die Verse werden zu goldenen Fest- und Gedenksprüchen, fett gedruckt in der Luther-Übersetzung, immer und überall geltend, ein Manifest protestantischer Lebenshaltung.“

Gut dass Gauß einen anderen Mittagstisch bekommt. Gut, dass wir Jeremia nicht so verstehen müssen, wie Kehlmanns Pastor es vielleicht tun würde.

Und da bin ich dann gelandet auf meinen Umwegen bei meiner Arbeit hier in Elmlohe und Drangstedt. Denn da war mir immer genau das Gegenteil dessen wichtig, was in der Romanszene passiert – und ich weiß natürlich, dass es anderen Amtsschwestern und –brüdern, Diakoninnen und Daikonen genau so wichtig ist.

Wichtig war mir immer – und es wird mir auch wichtig bleiben, wird meine Einstellung bleiben – Talente, Begabung zu sehen und zu fördern; Räume zu schaffen, ein Klima zu schaffen, in denen sie sich entfalten können, aufblühen können, in denen es genau so auch möglich ist ins Stolpern zu kommen und aufgefangen zu werden. Wichtig ist mir, die Freunde und den Stolz zu teilen, wenn etwas gelungen ist und Fortschritte zu sehen sind, bei Kindern und Jugendlichen und bei Erwachsenen, die sich an Neues wagen – und zwar nicht Fortschritte, gemessen an irgend einem absoluten Maßstab, der Höchstleistung eines Michael Greis oder eines Georg Hettich, - sondern gemessen an den ganz persönlichen Möglichkeiten eines Menschen.
Wichtig ist mir, gerade bei Jugendlichen, BEI EUCH, mitzuhelfen, dass jemand Ja sagen kann zu sich selbst, den eigenen Weg gehen kann – und auch stolz darauf sein kann – ohne die eigenen Grenzen und eigenes Scheitern ausblenden zu müssen.

Ich möchte das einen „realistischen Stolz“ nennen.

Solcher realistischer Stolz, -
der niemand anderen klein machen will,
der sich selber nicht überlebensgroß aufbläst,
der ein Ausdruck der Freude ist,
der Freude am Geschaffensein,
der Freude am eigenen Leben und seinen Möglichkeiten –
solcher realistischer Stolz trennt gerade nicht von Gott, wie jener Pastor aus dem Roman meint. - Mit Sünde meint ja der breite Strom biblischer Traditionen: von Gott getrennt zu leben.

Gauß sagt mit Recht im Roman: „Gott habe einen geschaffen, wie man sei, dann aber solle man sich ständig bei ihm dafür entschuldigen. Logisch sei das nicht.“ Dem werde ich nicht widersprechen. Und in der Bibel steht im 139. Psalm eben auch der staunend stolze Satz eines Menschen: „Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin.“ (V. 14) Kein Grund, sich zu entschuldigen; Gott sei Dank!

 

Das ist mir wichtig. Deshalb kommt in meiner Predigt heute Jeremias Warnung vielleicht ein bisschen kurz. Ich glaube allerdings, dass dieser Stolz, den ich meine, gerade dazu hilft, dem falschen Rühmen, vor dem Jeremia warnt, nicht auf den Leim zu gehen.

Der Mensch, so schildern es die plastischen Geschichten der Bibel, etwa von der Vertreibung aus dem Paradies oder vom Turmbau zu Babel, - der Mensch überschreitet seine Grenzen nicht ohne Schaden – er will so sein wie Gott. Dessen rühmt er sich – und rennt ins Verderben. Der Psychoanalytiker Horst Eberhard Richter hat das in den 70er Jahren als „Gotteskomplex“ bezeichnet: der „Glaube an die Allmacht des Menschen“ – ein, wie er sagt „infantiler – ein kleinkindlicher, unreifer – Größenwahn“.

Kindisch ist dieser Wunsch also, unrealistisch, unreif. Manchmal entlarvt er sich selbst, wird lächerlich oder grauenhaft sichtbar – im lauten Getümmel der aufgeblasenen Medienriesen oder in den Fehlschlägen und selbst gemachten Katastrophen der Menschheit. Aber er kann sich auch geschickt tarnen; und er tarnt sich manchmal übrigens auch im scheinheilig-bescheidenen „Händchen falten, Köpfchen senken“.

Der realistische Stolz, den ich meine, der im Kontakt ist zum Wunder der Schöpfung, ist etwas ganz anderes und er macht gerade immun gegen die Krankheit „Gotteskomplex“. Wenn ich von dieser Gewissheit etwas weitergeben konnte in den Jahren hier, will ich zufrieden sein – und stolz.

Zuletzt noch einmal Jeremia. – Um bei Gauß und der Mathematik zu bleiben: Vor dem Stolz, der im Kontakt ist zur Schöpfung und zum Schöpfer, steht ein anderes Vorzeichen; ein Vorzeichen, das – wie Jeremia zu Recht mahnt – Weisheit, Stärke und Reichtum in Beziehung setzt zu Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit. Davon haben wir allemal zu wenig auf dieser Welt, im Kleinen wie im großen. Auf dem Weg dahin, auf dem Weg zu mehr Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit – Dietrich Bonhoeffer hat das „Wegbereitung“ genannt, die Wegbereitung für Gottes Tun, für Gottes Reich – auf dem Weg zu mehr Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit werden Menschen gebraucht, die ihre guten Gaben kennen und einsetzen.

Dazu braucht es den aufrechten Gang. Den gibt es nicht ohne Selbstbewusstsein und Stolz. Und ich wüsste nicht, dass Gott schon jemals etwas einzuwenden hätte gegen solche Menschen.

Amen.

© Dirk Woltmann gehalten in der Liebfrauenkirche Elmlohe am 12.2.2006

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"Ein Engel für Liebfrauen"
 5. Dezember 2004  Advents-Gottesdienst
 zur Begrüßung der Skulptur "E" in der Elmloher Kirche
Predigt 

Liebe Gemeinde!

Wir sind am Anfang einer Geschichte, am Anfang vieler Geschichten. Seit drei Monaten steht die Skulptur „E“ hier bei uns in der Kirche.

Drei Monate. Wir wissen noch nicht, was wir alles mir ihr erleben werden. Wir wissen noch nicht, auf welche Gedanken sie uns noch bringen wird, womit sie sich verbinden wird, mit welchen Gefühlen wir ihr begegnen werden hier in Liebfrauen – mit welcher großen Freude – und wie sie darauf antworten wird; mit welchem tiefen Leid – und ob sie uns trösten kann; mit welcher brennenden Sehnsucht – und ob sie uns stärken kann bei den unsicheren Schritten.

Wie werden wir hier sein, mit welchem Glauben, mit welchen Zweifel – und wie wird sie unsere Gesprächspartnerin sein, ein Spiegel, in dem wir uns besser verstehen, ja, in dem wir Gott besser verstehen?

Wir sind am Anfang einer Geschichte. Jede, jeder, selbst diejenigen, die noch gar nichts anfangen können mit diesem neuen Wesen in der Kirche. „E“ wird ja da sein – morgen, Weihnachten, nächstes Jahr und weiter. Zeit genug, Gelegenheit genug; da mag sich noch mancher Zugang öffnen.

Für mich persönlich verbindet sich mein Anfang mit unserer Skulptur mit einer biblischen Geschichte, die in den Advent gehört. Erzählt wird sie von dem frühen Christen und Griechen, dem wir das Lukasevangelium und die Apostelgeschichte verdanken. Jener Lukas – dass der Verfasser wirklich so hieß, ist nicht historisch verbürgt, die kirchliche Tradition nennt ihn schon seit dem 2. Jahrhundert so – jener Lukas also ist ein wunderbarer Geschichtenerzähler, ein herausragender Schriftsteller unter den Evangelisten. Ihm verdanken wir ja auch die Weihnachtgeschichte.

Vor der Weihnachtsgeschichte erzählt Lukas unter anderen auch die Geschichte des Besuches eines Engels bei einem einfachen, jungen Mädchen in dem völlig unbedeutenden Erdenwinkel Galiläa. Wir haben sie gerade gehört.

 

Predigttext:
Das Evangelium nach Lukas, Kapitel 1, Verse 26- 38

Und im sechsten Monat
wurde der Engel Gabriel
von Gott gesandt
in eine Stadt in Galiläa,
die heißt Nazareth,
zu einer Jungfrau,
die vertraut war einem Mann
mit Namen Josef
vom Hause David;
und die Jungfrau hieß Maria.

Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach:
Sei gegrüßt, du Begnadete!
Der Herr ist mit dir!

Sie aber erschrak über die Rede und dachte:
Welch ein Gruß ist das?


Und der Engel sprach zu ihr:
Fürchte dich nicht, Maria,
du hast Gnade bei Gott gefunden.
Siehe, du wirst schwanger werden
und einen Sohn gebären,
und du sollst ihm den Namen Jesus geben.
Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden;
und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben,
und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit,
und sein Reich wird kein Ende haben.

Da sprach Maria zu dem Engel:
Wie soll das zugehen,
da ich doch von keinem Mann weiß?

Der Engel antwortete und sprach zu ihr:
Der heilige Geist wird über dich kommen,
und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten;
darum wird auch das Heilige, das geboren wird,
Gottes Sohn genannt werden.
Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte,
ist auch schwanger mit einem Sohn, in ihrem Alter,
und ist jetzt im sechsten Monat,
von der man sagt, dass sie unfruchtbar sei.
Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich.

Maria aber sprach:
Siehe, ich bin des Herrn Magd;
mir geschehe, wie du gesagt hast.

Und der Engel schied von ihr.

 

Ich möchte mich heute morgen nicht mit den Fragen um die Jungfrauengeburt herumschlagen. Ich bin mir sicher, dass die Geschichte Sinn macht – jenseits aller historischen Fragestellungen. Ich deute nur an: Das Motiv von der Jungfrauengeburt ist nicht mehr und nicht weniger, als der Versuch, ein Bild zu malen für das Geheimnis Gottes; eine Wundergeschichte, eine Geschichte zum Wundern und Staunen, weil so stau­nenswert Gottes Geheimnis, Gottes Gegenwart im Leben eines Menschen ist. Sie wird erzählt, weil Menschen in der Nähe Jesu diese Nähe Gottes erlebt haben.

Mir geht es mit der Geschichte wie mit der Skulptur: Ich erlebe etwas mit ihr. Und bei diesem Erleben komme ich auf ganz andere Fragen, die mir wichtiger sind als die historischen. Ob Sie sich darauf einlassen können, Skulptur und Geschichte sozusagen nicht unter dem Brennglas neuzeitlicher Wissenschaft zu betrachten, sondern mit einem poetischen, liebevollen Blick – ob Sie sich darauf einlassen können, – und sei es nur auf Probe – kann ich nur hoffen.

„Im sechsten Monat
wurde der Engel Gabriel
von Gott gesandt
in eine Stadt in Galiläa,
die heißt Nazareth,
zu einer Jungfrau,
die vertraut war einem Mann
mit Namen Josef
vom Hause David;
und die Jungfrau hieß Maria.“ (V. 26f.)

Wer so umständlich anfängt, hat etwas wichtiges zu sagen! Lukas packt so viele Informationen in diesen ersten Satz, so viele Namen auch – Gabriel, Galiläa, Nazareth, Josef, David – und der wichtigste Name steht als letztes Wort: Maria.

Eigenartig, wie genau Lukas diese vielen Namen aufzählt - und wie wenig wir dann von dem Geschehen selbst erfahren: Welche Gestalt hatte der Engel? In was für einem Haus, in was für einem Raum spielt sich das ab?

Unter all den bekann­ten Namen geht der fast unter, der als Urheber der ganzen Geschichte genannt wird, nebenbei und unauffällig: der Engel Gabriel wird gesandt von Gott. Wenn auch im Hintergrund, vermittelt durch einen Boten: Gott ist am Wirken in dieser Ge­schichte. Und nur deshalb wird sie erzählt: weil sie Anteil hat an Gottes Geschichte mit den Menschen.

Nach damaliger Vorstellung ist diese Geschichte Gottes mit den Menschen aber in besonderer Weise mit dem Tempel in Jerusalem verbunden. Dort wurde in besonderer Weise die Gegenwart Gottes erlebt. Doch Jerusalem ist weit in den ersten Kapitel des Lukas-Evangeliums. Nazareth liegt in der galiläischen Provinz, ein unbedeutender Ort, sogar leicht verrufen. Im Johannes-Evan­gelium wird das Sprichwort überliefert: "Was kann aus Naza­reth Gutes kommen..." (Joh 1,46)

Und dann steht auch noch eine Frau im Mittelpunkt der Geschichte, wo doch Religion damals eine Angelegenheit der Männer war, angefangen bei Moses über die Propheten bis zu den Priestern am Heiligtum.

In der Tradition christlicher Kunst wird Maria dargestellt als eine junge Adlige oder eine Bür­gerstochter, fromm und keusch. Das ist weit weg von dem einfachen, sehr jungen Mädchen aus einem galiläischen Dorf, das sicherlich wie damals üblich vom Vater mit 12 Jahren einem Mann zur Frau versprochen wurde – dem kleinen Handwerker Joseph.

Amen.

© Dirk Woltmann gehalten in der Liebfrauenkirche Elmlohe am 05.12.2004

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Himmelfahrt 2002 ,  Waldgottesdienst

Liebe Gemeinde!

   Glücksbote
   Glücksritter
   Glückssträhne
   Glückskind

   Glückspfennig
   Glückstag
   Glückszahl
   Glücksklee

Glück – ist in aller Munde.
Wie bekommt man es?
Wie behält man es?
Muß ich es einfangen wie einen Vogel?
Und in einen Käfig sperren?
Eignet es sich für die Fensterbank oder die Schrankwand?
Darf ich keinem etwas sagen, wenn ich es habe, damit man es mir nicht klaut?
Kann ich es verlieren oder irgendwo liegen lassen wie eine Geldbörse?
Muß ich es selber suchen oder kann ich irgendwo anrufen?

   Glückskeks
   Glückspilz
   Glücksfang
   Glückwunsch

   Glücksmomente
   Glückshormone
   Endophine
   Dopamine
   Glücksdrogen
   Glücksfall

Muß ich vorsichtig umgehen mit dem Glück oder hält es etwas aus?
Geht es wirklich so leicht kaputt wie Glas?
Pack‘ ich es lieber in Watte oder schließ‘ ich es besser weg?
Muß ich aufpassen, daß da keiner dran geht?
Oder kann es auch eingehen wie meine Topfpflanze, bei der ich das Gießen vergessen hatte?
Hält es sich als Konserve länger – oder eingefroren?

   Glücklich ist,
   wer vergißt,
   was nicht mehr zu ändern ist.
   (Johann Strauß, Die Fledermaus)

   Glücksbringer
   Talisman
   Toi toi toi
   auf Holz geklopft
   und schwarze Katz‘

übrigens: Wie fühlt sich das eigentlich an, das Glück?
Ist das warm oder kalt?
Ist es wie Wellen oder gleichmäßig?
Ist es groß oder klein?

Ach – und ich hab ganz vergessen: Was ist überhaupt – Glück?

   Der Lottogewinn?
   Eine Gehaltserhöhung?
   Eine Wiese mit Löwenzahn
   oder wieder mal bei Oma
      Erdbeerkuchen essen?
   Alt zu werden?
   Gesundheit?
   Der 10er auf dem Gehweg?
   Ein Ticket für die Fußball-WM?

Was ist Glück?

Für Dich und für mich wahrscheinlich etwas verschiedenes.

Oder doch nicht?

Gibt es nicht auch ein Glück, auf das wir beide schauen oder das wir sogar beide erleben und uns gemeinsam freuen?

So etwas, wie Berthold Brecht es wunderbar aufgeschrieben hat:

„Vergnügungen

Der erste Blick
aus dem Fenster am Morgen
Das wiedergefundene alte Buch
Begeisterte Gesichter
Schnee, der Wechsel der Jahreszeiten
Die Zeitung
Der Hund
Die Dialektik
Duschen, Schwimmen
Alte Musik
Bequeme Schuhe
Begreifen
Neue Musik
Schreiben, Pflanzen
Reisen
Singen
Freundlich sein“

Was sind das für schöne Gaben!

Lied der Songgruppe

Glücksbote
   Glücksritter
   Glückssträhne
   Glückskind

   Glückspfennig
   Glückstag
   Glückszahl
   Glücksklee

Warum sagt man eigentlich: „Der hat mehr Glück als Verstand!“
Macht Glück dumm? Und nur Schaden klug?

Hat Hermann Hesse Recht wenn er sagt:

„Glück ist Liebe, nichts anderes. Wer lieben kann, ist glücklich.“
Und was für Liebe meint er?

Und was heißt das, was eine Schriftstellerin schreibt:

„Glück ist nicht eine Station,
bei der man ankommt,
sondern eine Art zu reisen.“

(Margaret Lee Runbeck)

Was ist Glück?

Ist Gott – ein Glück?

Kann man so singen, wie der Liedermacher Gerhard Schöne:

„O Gott, mein großes Glück“ und „Mein Gott, ich freu mich so, wenn ich dich bei mir spüre“?

Ist Gott – mein Glück?

Kann ich das so wörtlich nehmen, wenn ich glücklich bin und sage: „Das ist ja himmlisch“! Geht es da um Gottes Himmel?

„Glück ist nicht eine Station,
bei der man ankommt,
sondern eine Art zu reisen.“

Wenn das so stimmt: Gehört Gott mit zur Reise?

   Glückskeks
   Glückspilz
   Glücksfang
   Glückwunsch

   Glücksmomente
   Glückshormone
   Endophine
   Dopamine
   Glücksdrogen
   Glücksfall

Ist Gott – der große Glücksfall für mich, für mein Leben?

Lied des Chores

Glücksbote
   Glücksritter
   Glückssträhne
   Glückskind

   Glückspfennig
   Glückstag
   Glückszahl
   Glücksklee

 

Ist Gott – mein Glück?

Ich weiß nicht, wie es für Dich ist.

Aber ich möchte Dir gerne weiter sagen, was Gott zu Dir sagt.

Gott sagt zu Dir: Du bist mein Glück!

So jedenfalls verstehe ich die Bibel. Er sagt das zu mir und zu Dir und zu jedem Menschen.

Du bist mein Glück! Du bist mein geliebtes Kind, Du bist mein geliebter Mensch.

Und wir sollen das weiter sagen, zueinander, besser gleich als später!

Das ist – der Himmel auf der Erde.

So ein Glück!

Amen.

 

Ich habe nicht nur Worte mitgebracht zum Thema Glück, sondern auch etwas zum Glücklichsein!

Wir können ein bisschen Himmel und Erde spielen und uns daran freuen. Das möchte ich gerne jetzt, im Gottesdienst,

so als eine Art Choral oder Tanz oder Gebet ohne Worte, ohne Musik,

mit dem Schwungtuch und dem Erdball.

Das soll jetzt ein Gottesdienst-Spiel sein zum Glück. Es können nicht gleich alle mitspielen, aber nach dem Gottesdienst kann es weiter gehen. Jetzt brauchen wir eine gute Mischung aus Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern ...

 

© Dirk Woltmann, gehalten am Schießstand Drangstedt am 09.05.2002

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Himmelfahrt  2000 ,  Waldgottesdienst

Liebe Gemeinde!

Predigt (1)

Von den Bäumen möchte ich heute erzählen, von den Bäumen, die in der Erde wurzeln und sich zum Himmel strecken.

Erstaunlich, wie lange Bäume Wind und Wetter, Böen und Stürmen, Frost und Hitze trotzen. Der älteste Baum der Welt, eine Kiefer in Tasmanien/Australien, ist 10.500 Jahre alt. Ist das nicht unglaublich?

So fest stehen Bäume! Mit ihren Wurzeln graben sie sich tief ins Erdreich. So kriegen sie Halt und Wasser und Nährstoffe. Und sie bilden einen starker Stamm aus. Dort, wo die Belastung am größten ist, setzt der Baum Holz an. So wird der Baum fest und bleibt doch noch beweglich, wenn es stürmt.

Wie das ist, als Baum, das können wir nach erleben!

Wenn Sie bitte ganz vorsichtig sind, wenn Ihr bitte ganz vorsichtig seid, damit die Bänke nicht umstürzen - ! – dann stehen, dann steht doch bitte auf – nur wer mag, versteht sich – aber Vorsicht mit den Bank-Enden!

Stellen Sie sich, stellt Euch einfach einmal aufrecht hin, die Füße leicht auseinander, nicht zu eng, nicht zu weit, etwa so breit wie Ihre, wie Eure Schultern sind. Spüren Sie, spürt den Boden unter den Füßen. Drücken Sie, drückt die Zehen ein bisschen in den Boden, bis Sie das Gefühl haben, bis Ihr das Gefühl habt fest verwurzelt dazustehen. Dann schließen Sie die Augen und schwanken Sie leicht wie ein Baum im Wind hin und her. Schließt die Augen und schwankt leicht wie ein Baum im Wind hin und her. Nicht zu doll, nur so, dass es angenehm ist.

So schwankt und schwanken Sie ein bisschen mit geschlossenen Augen. Und dazu lese ich ein paar Sätze aus dem ersten Psalm:

Wie glücklich ist ein Mensch, der Freude findet an den Weisungen des Herrn [...] und darüber nachdenkt. Der ist wie ein Baum, der am Wasser steht; Jahr für Jahr trägt er Frucht, sein Laub bleibt frisch und grün. [Wie glücklich ist so ein Mensch.] ---

Habt Ihr es, haben Sie es spüren können?

Wer mag, kann ja noch stehen bleiben und mit wippen und schwanken, wenn der Kinderchor sein nächstes Lied singt!

Lied des Kinderchores

Predigt (2)

Es gibt noch mehr schönes an einem Baum.

Ich habe hier eine Baumscheibe. Wenn man genau hinschaut, kann man sehen, wie kompliziert und lebendig das Holz aufgebaut ist – ganz anders als z.B. ein Betonklotz! In einer ganz, ganz dünnen Schicht zwischen Rinde und Holz steckt die ganze Lebenskraft des Baumes - von da aus bildet er nach innen das Holz und nach außen die Rinde.

Und dann sehen wir ein sehr schönes Muster: die Jahresringe. Die kennt wohl jeder!

Jedes Jahr bildet der Baum einen Ring um seinen Kern, deshalb nennt man die Ringe Jahresringe. Die ganze Lebensgeschichte des Baumes ist darin aufgezeichnet. Man sieht, ob ein Jahr für den Baum gut war oder nicht, ob es feucht war oder trocken. Man sieht auch, ob der Baum einmal beschädigt wurde und wie eine solche Wunde vernarbt ist.

So schön sieht das aus! Und so ähnlich ist es auch mit dem Leben eines Menschen. Wir wachsen zwar anders als ein Baum, nicht in Ringen (na, manche vielleicht doch – gut dass ich eine weite Kutte anhabe). Aber im übertragenen Sinne gibt es auch für uns Lebensringe. Rainer Maria Rilke hat dazu ein Gedicht geschrieben hat.

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen, aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm, und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm oder ein großer Gesang.

Wir können noch ein wenig unseren Gedanken und Gefühlen nachspüren. Was macht mich stark? Was gibt mir eine dicke Haut?

Lied des Gemischten Chores

Predigt (3)

Eins darf ich natürlich nicht vergessen: Die Blätter!

Schauen Sie, schaut doch bitte ‘mal hoch, in die Kronen der Bäume, ins Blätterdach hier über uns. Da gibt es viel zu zu erleben mit allen Sinnen – z.B.:

Wie der Wind mit den Blättern spielt, wie es dabei rauscht.

Wie die Blätter in der Sonne leuchten, mit Licht und Schatten spielen.

Wie es duftet von all den Blättern.

Was meint Ihr, was meinen Sie: Wie viele Blätter hat ein Baum?

Ich hab‘s nachgelesen: Eine große Eiche hat rund 250.000 Blätter. Unglaublich, aber so ist es. Bitte nicht nachzählen! Da würde man zählen, bis einem schwindelig wird.

Und kein Blatt ist wie das andere. Jedes Blatt ist ein Kunstwerk mit seinen feinen Adern. Schaut Euch das, schauen Sie sich das ruhig noch einmal genau an!

Und die Blätter sind wichtig. Es sind richtige kleine Kraftwerke. Die Bäume fangen mit ihren Blättern das Sonnenlicht ein. Aus Wasser und Luft gewinnen die Bäume ihre Nahrung. Dabei entsteht Sauerstoff, den die Bäume wieder an die Luft abgeben – auch an uns! Nehmt doch mal schnell, nehmen Sie doch ‘mal schnell ‘ne ganze Lunge voll! Im Wald ist die Luft immer toll!

übrigens – auch das habe ich gelesen: Eine große Buche liefert an einem Sonnentag wie heute Sauerstoff für 65 Menschen. Und reinigt auch noch die Luft! Die Bäume nehmen Kohlendioxid auf, das wir ausatmen und das in großen Mengen aus Schornsteinen und aus Auspuffrohren kommt. Eine große Buche zum Beispiel filtert in einem Jahr 1 Tonne, also 1000 kg Schadstoffe und Giftstäube aus der Luft. Da kann man nur sagen: danke, Buche.

---

Ach, noch viel mehr wäre von den Bäumen zu erzählen –

vom ihrem Holz, das Menschen für Häuser, Brücken, Schiffe und zum Feuer machen gebrauchen und um Herzen hineinzuritzen, wenn sie glücklich sind;

vom Regenwasser, das sie speichern – und wie wichtig diese Leistung für den Boden ist;

von dem Lebensraum Wald, seinem Reichtum an Tieren und Pflanzen – und wie verletzlich dieser Lebensraum ist – und wie oft schon Menschen nicht achtsam mit ihm umgegangen sind.

Davon können Sie sich, könnt Ihr Euch ja nachher, nach dem Gottesdienst gegenseitig noch mehr fragen und erzählen und gucken.

Ich mache hier Schluss mit den Worten eines Indianers. Er heißt Tatanga Mani und sagt über die Bäume: „Weißt du, dass Bäume reden? Ja, sie reden. Sie sprechen miteinander, und sie sprechen zu dir, wenn du zuhörst . . . Ich selbst habe von den Bäumen viel erfahren: manchmal etwas über das Wetter, manchmal über Tiere, manchmal über den Großen Geist.“

Ja, Ihr könnt, Sie können viel von den Bäumen erfahren – manchmal auch über den Himmel und über den Großen Gott.

Amen.

© Dirk Woltmann , gehalten am Schießstand Drangstedt, 01.06.2000

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